14. Mai 2021

Spielregeln im Chor

Die Satzung eines Vereins ist sicher wichtig, doch es ist ein kleine Wenig wie bei den AGBs: kaum jemand kennt sie wirklich. Das ist aber normalerweise auch nicht wichtig, solange alles reibungslos funktioniert.

Viel wichtiger finde ich die Regeln, die sich der Chor (oder der Vorstand und/oder der Chorleiter) gibt. Fragen zum regelmäßigen Probenbesuch, wie wichtig Probenwochenende, Generalprobe etc. sollten aus meiner Sicht immer wieder einmal besprochen und neu justiert und ggfs. auch eingefordert werden.

Wenn Frau Müller in jeder Probe ohne ersichtlichen Grund 20 Minuten zu spät kommt oder Herr Maier vier Wochen vor dem Konzert aufgrund einer Reise fehlt, dann aber im Konzert plötzlich doch auf der Bühne steht, ärgert dies nicht nur viele, sondern es beeinträchtig zumeist auch die Qualität des Chores.

Ich finde ganz enorm wichtig, dass alle Sänger*innen (und natürlich auch der Vorstand und Dirigent) darüber einig sind, welche Ziele der Chor verfolgt. Ist es für die Sänger*innen ein reiner Zeitvertreib ohne Anspruch oder probt der Chor, um gute, qualitativ hochstehende Konzerte zu veranstalten.

Sind sich alle einig, dass die Qualität im Vordergrund steht, wird man nicht umhin kommen, auch einige Regeln zum Probenbesuch aufzustellen, z.b. „mind. 80 % Probenbesuch“, „Probenwochenende und Generalprobe sind Pflicht“, „Wer sich zuhause nicht vorbereitet, kann beim Konzert nicht mitsingen“ etc.
Selbstverständlich sollte der Chorleiter hier immer das letzte Wort haben, aber ohne eine Richtschnur interpretieren die Chorsänger*innen die Regel allzu oft in ihrem Sinne („ich kann das dann schon irgendwie“, „Wenn’s drauf ankommt, klappt es dann schon…“, „ich werde das schon noch vorbereiten“).

Letztlich muss man aber auch (am Besten im Kreise der aktiven Sänger*innen) darüber reden, wie man mit Sänger*innen umgeht, die diese Regeln nicht (mehr) befolgen (wollen). Das ist ein sehr heikles Thema, da dies oft langjährige Sänger*innen sind und viele Jahre wichtige Funktionen inne hatten. Viele einstmals gute Chöre werden aber durch diese Form der „Leistungsverweigerung“ immer schlechter, der Nachwuchs bleibt weg und es ist nur noch eine Frage der Zeit bis der Chor keine Konzerte mehr geben kann. Deshalb muss der gesamte Chor (nicht nur Dirigent und Vorstand) hier frühzeitig handeln, damit diese Abwärtsspirale gar nicht erst beginnt.
Das gilt im Übrigen auch für den Dirigenten! Sollte der Dirigent den Qualitätsanfroderungen nicht mehr genügen, sollte auch der Chor offen mit ihm darüber sprechen, und ggfs. nach einem geeigneten Nachfolger suchen.

Aber es steht dem Chor natürlich auch frei, „in der Gemeinschaft des Chores alt zu werden“. Auch das sollte ein Chorleiter akzeptieren. Viele Traditionschöre singen seit Jahrzehnten zusammen, habe wunderbare Jahre gesehen, große Erfolge gefeiert, aber jetzt wollen sie nur noch zum Spaß zur Singstunde kommen und sich anschließend beim Viertele unterhalten – und auch das ist ok.
In diesem Fall könnten Vorstand und Dirigent Alternativen entwickeln: einen jungen Chor gründen, offene Singen anbieten und vieles mehr, aber man sollte den Wunsch des Chores auch aktzeptieren, dass sie einfach um der Gemeinschaft willen weiter singen möchten – ohne Anspruch und vielleicht auch ohne Konzerte und Auftritte. Den (dann fast zwangsläufig) kleiner werdenden Chor kann man unterstützen, indem man frühzeitig beginnt, statt vierstimmigen nun vermehrt dreistimmige Stücke einzustudieren, die auch an die stimmlichen Gegebenheiten eines älter werdenden Chores angepasst sind. So gelingt es, bis ins hohe Alter die Freude am Chorsingen zu erhalten und eine jahrzehntelange Chorgemeinschaft bis zuletzt zu pflegen.